Was bedeutet „normal“, wenn wir über Sucht und neurodivergente Ausprägungen wie ADHS, Autismus-Spektrum oder FASD sprechen? Wo verlaufen die Grenzen zwischen individueller Besonderheit, funktionaler Anpassung und behandlungsbedürftigem Leiden – und wer zieht sie?
Neurodivergenz verweist auf die Vielfalt menschlicher Wahrnehmungs-, Denk- und Verarbeitungsweisen. Gleichzeitig erleben viele Betroffene nicht nur Anderssein, sondern Überforderung, Leidensdruck und eingeschränkte Teilhabe.
Gerade im Kontext von Abhängigkeitserkrankungen wird sichtbar, wie eng neurobiologische Voraussetzungen, biografische Belastungen und soziale Bedingungen miteinander verwoben sind.
Dabei stellen sich grundlegende Fragen:
- Lassen sich Konzepte wie ADHS oder Autismus klar diagnostisch abgrenzen – oder bewegen sie sich entlang fliessender Übergänge?
- Wann wirkt Entpathologisierung entlastend und stärkt Selbstakzeptanz – und wann besteht die Gefahr, subjektives Leiden zu relativieren oder Hilfebedarf zu verunklaren?
Der neurodiversitätsorientierte Diskurs hat wichtige Impulse gesetzt: Er trägt zur Entstigmatisierung bei, verschiebt den Blick von Defiziten hin zu Vielfalt und fordert bestehende Normalitätsannahmen heraus.
Zugleich wirft er neue Spannungsfelder auf – etwa im Hinblick auf Versorgung, Finanzierung, therapeutische Zugänge und soziale Absicherung.
Die Tagung Mensch-SUCHT-Leben 2026 versteht Neurodivergenz im Zusammenhang mit Sucht als gemeinsamen Denk- und Erfahrungsraum.
Im Zentrum steht die Frage, wie Teilhabe gelingen kann, ohne Leiden zu negieren: durch angemessene Unterstützung, durch Anpassung von Umwelten – und durch die Bereitschaft, Normalität selbst als verhandelbar zu begreifen.